Rückblick E-Health

Über den Weg dorthin bzw. die aktuelle Schwerpunktsetzung von Politik, Dienst- leistern und Wirtschaft herrschte hingegen geteilte Meinung. Clemens Auer, Sektionschef im Bundesministerium für Gesundheit, ortete in seiner Eröffnungsrede jedenfalls Bewegung bei der Umsetzung des elektronischen Gesundheitsaktes (ELGA). Er zeigte sich davon überzeugt, dass durch ELGA Doppelgleisigkeiten im öffentlichen Gesundheitssystem vermieden und Ressourcen geschont werden können. »Profitieren wird in letzter Konsequenz aber vor allem der einzelne Patient«, sagte Auer in seiner Keynote. »Jetzt geht es darum, lokale Ängste zu überwinden und Patienten und Gesundheitsdienstleister vom Nutzen zu überzeugen.«

Auer berichtete über den Fahrplan des Bundes, um ELGA in den kommenden Jahren auf Schiene zu bringen und gesetzliche Unsicherheiten zu beseitigen. Neben der Schaffung und Umsetzung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, gilt es eine Reihe von Pilotprojekten auszutesten. Zu den Kernanwendungen zählen e-Medikation, e-Labor, e-Radiologie und e-Entlassung. Wichtig sei deshalb, zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft die Basis-Infrastruktur auf die Beine zu stellen. Auer warnte in diesem Zusammenhang vor »einsamen« proprietären Lösungen. Vielmehr handle es sich bei e-Health um ein Thema von europäischer Dimension. Daher gelte es sich sowohl in technischer als auch mentaler Hinsicht zu öffnen und Sektoren wie grenzüberschreitende Lösungen zu entwickeln.

Während Herlinde Toth vom Wiener Krankenanstaltenverbund über die Strategie und die Initiativen des KAV zur Förderung von E-Health-Anwendungen aus regionaler und nationaler Sicht berichtete, veranschaulichte Ernst Mlnarik von Oracle Austria anhand einer Reihe weltweiter Patienten-Akt-Projekte, dass E-Health nicht nur in Österreich ein Thema ist. In einer Kinderklinik in Auckland, Neuseeland, wird E-Health derzeit eingesetzt, um automatisierte Impfpläne umzusetzen und die Kommunikation zwischen Hausärzten und dem Krankenhaus mittels elektronischer Entlassungsbriefe zu verbessern. In einem Krankenhaus in Walsall, Großbritannien, können über den Einsatz einer E-Health-Lösung und die damit einhergehende bessere Information durch niedergelassene Ärzte rund  14.000 Untersuchungen - davon 6.000 Doppeluntersuchungen - vermieden werden. »Die Technologie ist vorhanden. Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung ist, dass die Lösung organisationsübergreifend funktioniert, einfach zu handhaben ist und der Patient die Vorteile erkennen kann«, so Mlnarik.

Alexander Ortel von der Patientenanwaltschaft Niederösterreich knüpfte an diesen letzten Punkt an und kritisierte die mangelnde Aufklärung der Bevölkerung von Seiten der Politik und E-Health-Verantwortlichen. »Die offene ehrliche Diskussion in der Öffentlichkeit hat leider nie stattgefunden«, so Ortel. Als positiv aus Patienten- sicht wertete Ortel allerdings, dass die von Kritikern vorgebrachten Bedenken und Warnungen hinsichtlich des Datenschutzes mittlerweile Ernst genommen und bei der Umsetzung der E-Health-Strategie berücksichtigt werden. Vorsicht sei aber auch weiterhin angebracht, zumal sich mit dem Thema elektronische Gesundheitsvorsorge offenbar gutes Geld verdienen lasse, wie der Blick auf kommerzielle Angebote im Internet zeige.

In der anschließenden Podiumsdiskussion bekräftigten die teilnehmenden Wirtschaftsvertreter ihre Bereitschaft zu Investitionen, wenngleich sie von der Politik und den ELGA-Entscheidungsträgern auch Sicherheiten diesbezüglich einforderten. »Wir müssen uns auf die Politik verlassen können, dass das Risiko minimiert und der Return of Investment mittelfristig gewährleistet ist«, meinte etwa Manfred Rieser von der Telekom Austria. Hinsichtlich der von Sektionschef Auer angesprochenen Basisinfrastruktur warf er ein, dass diese gewissen Normen und Regeln entsprechen müsse: »Ich denke die Finanzierung und Ausschreibung sollte direkt über ELGA laufen. Denn wenn man dies den einzelnen Gesundheitsdienste-Anbietern überlässt, läuft man Gefahr, dass am Ende des Tages ein Sammelsurium an Infrastruktur herauskommt, mit dem die geforderten Funktionen ganz einfach nicht erfüllt werden können.«

Die geringen Investitionsbeiträge, die derzeit für die Umsetzung von ELGA vorgesehen sind, stießen auch bei Walter M. Bugnar von Siemens IT Solutions and Services auf Unverständnis. Er unterstrich, dass man in Teilbereichen bereits mit geringen einstelligen Mio-Beträgen ein Einsparungspotenzial von rund 150 Mio. Euro im Jahr erzielen und mehr als 1.000 Menschenleben retten könne. Als Beispiel nannte er das von Siemens und der österreichischen Apothekerkammer umgesetzte Projekt »Arzneimittelsicherheitsgurt«, das in Salzburg das Thema e-Medikation bereits vorweg genommen hat.  

Wie Bugnar mit Christian Müller-Uri, dem stv. Obmann der Pharmazeutischen Gehaltskasse, später demonstrierte, können Patienten bei der Abholung von Medika- menten in der Apotheke elektronisch prüfen lassen, ob diese mit bereits verschrie- benen oder gekauften Medikamenten komplikationsfrei eingenommen werden können. Um die Privatsphäre der Patienten zu wahren, werden dem Apotheker nur die problematischen Medikamentenkombinationen angezeigt. Mit der Lösung können die steigenden Medikamentenkosten eingedämmt, Doppelverschreibungen verhindert sowie aufgrund von Nebenwirkungen auftretende Nachbehandlungen und stationäre Aufenthalte verhindert werden, zeigten sich Bugnar und Müller-Uri überzeugt.

Herlinde Toth vom Wiener Krankenanstaltenverbund verwies hinsichtlich der geringen Investitionssumme im Bereich E-Health auf den vorgeschriebenen Sparkurs der Krankenanstalten. So sei das EDV-Budget relativ knapp bemessen und derartige Großprojekte wie ELGA mit normalen IT-Budgets kurzfristig kaum stemmbar. Darüber hinaus müsse man realistisch sein, was das Einsparungspotenzial bedeute. »Solche Systeme wie die elektronische Patientenakte führen erst dann zu Einsparungen, wenn diese quantitativ mit vielen Daten befüllt sind und auch eine entsprechende Verbreitung und Akzeptanz in der Bevölkerung genießen. Das wird sicherlich noch Jahre dauern, bis dies der Fall ist«, so Toth.

Christian Maranitsch, Leiter des Public Sector bei Microsoft Austria, forderte hingegen, das Thema E-Health nicht nur als simple Kosten-Nutzen-Rechnung zu betrachten, sondern eine volkswirtschaftliche Sichtweise anzuwenden. Kritik äußerte er auch an der fehlenden Information der Bevölkerung über die zu erwartenden Vorteile: »Die Bewusstseinsbildung ist in Österreich viel zu wenig ausgeprägt. Während etwa in Kanada bis zu 80 Prozent der Bevölkerung vom Nutzen von E-Health überzeugt ist, weiß zwei Drittel der Österreicher gar nicht, warum es sich bei E-Health handelt und favorisiert schließlich die Investition in andere medizinische Leistungen.«

Eine Reihe von Vorträgen befasste sich schließlich mit den sicherheitstechnischen Anforderungen an elektronische Systeme, um Patientendaten vor unautorisierten Zugriffen zu schützen. Neben der Verpflichtung gegenüber Patienten sind Gesund- heitsdienstleister seit Jahresbeginn auch durch das Inkrafttreten der Gesund- heitstelematikverordnung (GTelV) dazu verpflichtet, Patientendaten zwischen Diensteanbietern ausschließlich in sicheren Netzen auszutauschen. Christian Proschinger von Raiffeisen Informatik wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die gesetzlichen Vorgaben zwar eine gute Orientierung liefern würden, die praktische Umsetzung allerdings auf einem anderen Blatt Papier stehe. Er plädierte für ein ganzheitliches Information Security Management, das auf bewährten Security-Maß- nahmen aus anderen Bereichen aufbaut und so die sichere Verarbeitung und Verwaltung von Daten über den gesamten Verarbeitungszyklus gewährleiste.

Christian Rehnelt vom Zertifizierungsunternehmen CIS zeigte die Möglichkeit einer Zertifizierung nach ISO-Standard 27001 auf, um allen Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden. Durch das standardisierte und praxisnahe Vorgehen sei gewähr- leistet, dass alle gesetzlichen Forderungen erfüllt werden. Franz Hoheiser-Pförtner, Chief Information Security Officer beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), berichtete passend dazu von der Security-Strategie des KAV, der als eine der ersten Gesundheitseinrichtungen in Europa nach ISO 27001 zertifiziert wurde und mit der Mitarbeit am Healix-Projekt den sicheren elektronischen Austausch von Gesundheits- daten gewährleisten möchte. Hoheiser-Pförtner gab darüber hinaus zu bedenken, dass Krisenmanagement nicht nur das Lösen technischer Fragen bedeute, sondern auch auf Stimmungen der betroffenen Mitarbeiter, Kunden und der Öffentlichkeit achten müsse. Das Ausschöpfen der gemeinsamen Lösungskompetenz der Verant- wortlichen auch über Berufsgrenzen hinweg sei für das Krisenmanagement und die Krisenprävention essenziell.

Das Thema Datenschutzlösungen für ELGA stand auch im Mittelpunkt der Ausführungen von Klaus Schindelwig (Tilak GmbH). »Datenschutz ist Vertrauens- sache. Folglich gilt es nun eine Lösung zu erarbeiten, die auch Personen mit kritischer Grundhaltung von den Vorzügen von ELGA überzeugen kann«, so Schindelwig. Neben einer dezentralen Datenhaltung und einem starken Selbst- bestimmungsrecht, das Bürgern die Entscheidung überlässt, welche Informationen über sie in ELGA bereit gestellt werden, stellte Schindelwig auch die Verwendung von physischen Kontrollmechanismen zur Diskussion. Ist etwa der Zugriff auf Patienten- daten nur dann möglich, wenn die zu behandelnde Person mit ihrer e-Card das Einverständnis gibt, könne Missbrauch vermieden werden. Darüber hinaus wertete er die transparente Protokollierung, also welche Einzelperson wann auf welche Daten zugegriffen hat, als eine der wichtigsten vertrauensbildenden Maßnahmen.

Abgerundet wurde die von Edmund Lindau (Computerwelt) und Bettina Hainschink (CON•ECT Eventmanagement) moderierte Veranstaltung mit Beiträgen zum Thema e-Medikation und dem Einsatz von Technologie in der häuslichen Pflege – Stichwort Ambient Assisted Living – um älteren Menschen die Übersiedlung in Pflege- oder Altenheimen so lange wie möglich zu ersparen. Während Rainer Schmidradler von der SVC, wie die Referenten des Arzneimittelsicherheitsgurtes, einmal mehr die Vorzüge einer elektronischen Lösung bei der Medikamentenabgabe und –verschreibung unterstrich, zeigten Franz Strohmayer von Alcatel-Lucent sowie anschließend Manfred Rieser, wie existierende Technologien eingesetzt werden können, damit man  den medizinischen Bedürfnissen älterer Patienten und deren Wünschen nach Bequemlichkeit, Sicherheit und Freiheit in ihren Eigenheimen gerecht werden kann.

Im Ausstellungsbereich waren CIS, InterSystems, Oracle und Raiffeisen Informatik zu finden, die verschiedenste Gesundheitsinformationssysteme vorstellten.

Unterlagen zu dieser E-Health Veranstaltung und der vergangenen Jahre sind kostenfrei unter www.conect.at im Papersdownload verfügbar.
Interessenten, die bei der CON•ECT Informunity E-Health und Krankenhaus- informationssysteme 2010 mitwirken wollen finden hier gleichfalls Kontaktdaten.

(Tel. 0043 1 522 36 36 36)

Alexander Ortel, Patientenanwaltschaft NÖ

Alexander Ortel, Patientenanwaltschaft NÖ

Edmund Lindau, Computerwelt

Edmund Lindau, Computerwelt

Ernst Mlnarik, Oracle

Ernst Mlnarik, Oracle

Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund

Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund

Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund, Walter Bugnar (Siemens IT Solutions and  Services)

Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund, Walter Bugnar (Siemens IT Solutions and Services)

Manfred Rieser, Telekom Austria, Bettina Hainschink, CON•ECT Eventmanagement

Manfred Rieser, Telekom Austria, Bettina Hainschink, CON•ECT Eventmanagement

v.l.n.r.: Christian Maranitsch, Microsoft Austria, Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund, Walter Bugnar, Siemens IT Solutions and Services, Manfred Rieser, Telekom Austria

v.l.n.r.: Christian Maranitsch, Microsoft Austria, Herlinde Toth, Wr. Krankenanstaltenverbund, Walter Bugnar, Siemens IT Solutions and Services, Manfred Rieser, Telekom Austria

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